Dieser Artikel erschien exklusiv als Gast-Kolumne im Magazin «Direct Point» 03/2019 November 2019 (www.directpoint.ch), Die Schweizerische Post. Der Autor Lorenz Wenger behält sich das Recht vor, hier die ungekürzte Version zu publizieren.
Noch nie hat die Menschheit soviel kommuniziert wie heute. Und trotzdem – oder gerade deshalb – scheint es schwierig, vor anderen Menschen seine eigene Meinung zu vertreten, seine Dienstleistungen, seine Produkte, seine Ideen zu präsentieren. Glaubt man den Statistiken, ist die weit verbreitetste Angst, vor anderen Menschen zu sprechen. Durch die zunehmende Onlinekultur wird es immer einfacher, sich mehr oder weniger anonym hinter digitalen Accounts, und Profilen zu verstecken. Wir können jeden beliebigen Empfänger in allen erdenklichen Winkeln der Erde akustisch und auch optisch erreichen, können Kritik anbringen und Menschen in die Pfanne hauen, ohne dabei ein unliebsames Echo zu riskieren. Der Off-Schalter und der Button zum «entfrienden» ist schnell gedrückt. Wer will denn da noch vor physischem Publikum stehen, sich öffentlich angreifbar machen und sich möglicherweise sogar rechtfertigen müssen?
Paralysiert durch Informationsüberfluss
In unserer Zeit des Informationsüberflusses verschlägt es uns oft die Stimme: wir verlieren die Orientierung und sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Das wird umso deutlicher, wenn wir uns ein paar Zahlen ansehen: jede einzelne Minute werden über 400 Stunden neues Videomaterial auf YouTube hochgeladen, 300’000 Tweets veröffentlicht, 65’000 Bilder auf Instagram gepostet. Das sind die Zahlen von 2015! Heute dürften es vermutlich doppelt so viele Daten sein. Dank unseren Smartphones verdoppeln sich die weltweit jemals gemachten Fotos der Menschheitsgeschichte alle vier Jahre. Wie sollen wir die für uns relevanten Informationen vom Rest unterscheiden können? Sind wir überhaupt noch fähig, unsere eigene, persönliche und kritische Meinung zu bilden und zu sagen, ohne dabei jemandem auf den Schlips zu treten? Die Angst vor Konfrontation und Ablehnung wächst mit der Menge an verfügbaren Informationen.
Mut zur eigenen Stimme
Im Dschungel der Informationen verlieren wir die eigene Perspektive schneller als uns lieb ist. Wir sind gefordert, rund um die Uhr eine Meinung zu allem und allen zu haben. Doch wie steht es mit unserer eigenen, inneren Stimme? Was sind unsere persönlichen Werte, Ziele und Visionen? Was ist uns wirklich wichtig? Für was stehen wir? Oft wissen wir ganz genau, was wir nicht (mehr) wollen. Ob im Sport, im Business oder privat: oft fahren wir Vermeidungsstrategien und sind uns nicht klar, was wir anstelle des Status Quo anstreben. Nur nicht scheitern, ja nicht verlieren, kein Risiko eingehen, keinesfalls abgelehnt werden. «Was wäre, wenn meine Präsentation nicht ankommt? Was würden ‘die Anderen’ denken, wenn meine Idee, mein Angebot, mein Produkt, meine Dienstleistung nicht überzeugt?» Öffentlich im Rampenlicht oder vor beliebigem Publikum zu stehen bedeutet per se einen Standpunkt zu vertreten, seine eigene Sichtweise zu präsentieren und sich dadurch möglicherweise auch angreifbar zu machen. Profil zu zeigen polarisiert nun mal. Dazu fehlt uns oft der Mut. Es ist bequemer, sich hinter digitalen Medien zu verstecken, die Meinungen und Ideen anderer zu kritisieren, Andere zu optimieren. Die individuelle, persönliche Sicht der Dinge geht im Informationsrausch unter. Lieber perfekt kritisieren statt Neues erschaffen.
Kreieren statt kritisieren
Ob der Service im lokalen Restaurant, der Schiedsrichter beim letzten Spiel unseres geliebten FCs, der Chef in unserem Unternehmen, die Partei, die Lebenspartnerin, die Touristen, die Umweltaktivisten: sie alle zu kritisieren und zu optimieren bringt zwar die Diskussion ins Rollen, füttert Big Data, füllt Blogs und digitale Foren. Wenn wir doch tatsächlich etwas an der aktuellen Situation, an unserem Status Quo ändern wollen, muss es uns wichtig genug sein, es auch physisch vor anderen Menschen zu vertreten, zu präsentieren und unseren eigenen, persönlichen Standpunkt zu vertreten. Menschen, die grosse Veränderungen oder Errungenschaften bewirkt haben, hatten jeweils auch den Mut zur eigenen Stimme.
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